top of page

Das abgelehnte Iran-Visum und der Umgang mit unangenehmen Gefühlen

Endlich, nach unzähligen Wochen des Wartens, ploppt die lang ersehnte E-Mail der iranischen Botschaft in meinem Postfach auf. Nach dem ersten Millisekunden-Freudegefühl erhaschen meine Augen die ersten Zeilen der Nachricht: "Ihr Visaantrag wurde abgelehnt". Stich ins Herz, die Kehle schnürt zu, ein Kältegefühl breitet sich in meinem ganzen Körper unaufhaltsam aus. Das Gefühl der Enttäuschung und Traurigkeit...

Ok, durchatmen, innehalten, hinschauen, beobachten und achtsam sein. Nicht noch zusätzlich unnötige, leidhafte, unangenehme Gefühle erzeugen.


Welche Möglichkeiten habe ich jetzt? Ich kann mich in der Enttäuschung und in der Trauer suhlen, mich in Selbstmitleid baden, mich fragen, warum gerade UNS das jetzt passiert, warum es denn bei allen anderen einfach so (jaja, genau so ist es natürlich...) klappt mit den Visa, die Erfahrung persönlich nehmen und mich so mit ihr identifizieren. Ja, das wäre tatsächlich eine Möglichkeit, auf die unangenehmen Gefühle zu reagieren. Ist sie zielführend und hilft sie, die unangenehmen Gefühle zu verarbeiten? Nein, meiner Erfahrung nach sorgt sie eher dafür, die leidhaften Gefühle zu verstärken. Ich will die Gefühle jedoch loswerden und nicht verstärken. Also gehe ich gegen sie in den Widerstand, bekämpfe sie, verdränge sie. Also ignorieren, schön reden, übertünchen mit pseudo-positivem Denken oder beiseiteschieben durch kurzfristige, erheiternde Gefühle und zum Schokoriegel greifen, Netflix anschalten, mit Social Media ablenken, mich in ein schönes Buch vertiefen.

Ist diese Möglichkeit zielführender und hilft vielleicht sie, die unangenehmen Gefühle zu verarbeiten. Hmm, nein, kann zwar kurzfristig zu angenehmen Gefühlen verhelfen, hat bisher - zumindest bei mir - noch nie langfristig und nachhaltig geklappt.


Gefühle, ob angenehme oder halt eben auch unangenehme, haben nun mal die Eigenheit, gefühlt werden zu wollen. Sie klopfen nicht vorher an und fragen uns um unsere Erlaubnis. Sie existieren und haben ihre Funktion. Auch die Unangenehmen. Ich habe nicht das Geburtsrecht, ausschliesslich Angenehmes zu erfahren. So funktioniert das Leben einfach nicht. Ob mir das passt oder nicht.


Demnach Möglichkeit drei: ich gebe mich diesem natürlichen Prozess also hin. Ich fühle das unangenehme Gefühl. Ich spüre die Traurigkeit, ich spüre die Enttäuschung. Ich bleibe aber so klar, wach und achtsam, dass ich mich nicht in Geschichten rund um diese Gefühle verstricken lasse. Möglichkeit eins habe ich schliesslich bereits geprüft und als nicht hilfreich erfahren. Ich versuche viel mehr, die Natur dieser Gefühle anzunehmen, auch sie willkommen zu heissen, sie mit freundlicher Offenheit zuzulassen. So innehaltend und beobachtend, merke ich, wie die Gefühle entstehen, kurz verweilen und erstaunlich schnell auch wieder vergehen. Natürlich können sie in Sekundenschnelle sofort wieder auftauchen. Ein kurzer Gedanke an die E-Mail reicht dafür bereits aus. Aber auch diesmal: die Traurigkeit entsteht, bleibt kurz und vergeht wieder. Vielleicht wiederholt sich dieses Spiel nun siebenunddreissig Mal. Aber hey, gibt es eine Alternative? Suhlen und verdrängen habe ich als nutzlos abgehakt. Wer weitere Möglichkeiten kennt: bitte unbedingt im Kommentarfeld verraten!!!


Nein, es ist nicht so, dass ich die Enttäuschung und Traurigkeit dadurch nun losgeworden bin. Aber ich habe verstanden, dass es auch kein Loswerden gibt. Nie. Meiner Meinung nach (und das mag für andere ganz anders sein) ist die hilfreichste Möglichkeit, die mir zur Verfügung steht, dieser freundliche Umgang mit allen Arten von Gefühlen.

Und das achtunddreissigste Mal wird bald anklopfen. Wie oft denn noch? Bin ich denn so unfähig? Ich bin zu doof, kriege es einfach nicht hin, obwohl ich doch wüsste, wie's geht. Oh, Selbstzweifel und Ärger! Hallo ihr nächsten unangenehmen Gefühle. Was wünscht ihr denn? Ach sooo... gefühlt zu werden. Na dann, herzlich willkommen in meiner guten Stube. Da warten bereits die Traurigkeit, die Enttäuschung und viele, viele andere mit einer warmen Umarmung auf euch.


Wenn aber auch diese Möglichkeit nicht dazu führt, dass ich die unangenehmen Gefühle loswerde. Wozu soll das denn gut sein?

Nun ja, ich fühle trotz Enttäuschung und Traurigkeit sehr viel ruhiger, gelassener und freier. Ich trage mit diesem Gefühls-Umgang also dazu bei, dass es sowohl mir, als auch meinem Umfeld besser geht. Das ist doch ziemlich motivierend - finde ich.

Selbstverständlich kann ich das auch nicht "einfach so". Wär schön... Natürlich muss auch ich mich immerwährend und dauerhaft darum bemühen und mich unablässig darin üben (hui, ich kann Caro bis hierhin hören: "du immer mit dim üebe, üebe, üebe" :)))). Und ja, oft gelingt es mir auch nicht, ganz oft "vergesse" ich diese dritte Möglichkeit auch und verliere mich in der Reaktivität resp. in Möglichkeit eins oder zwei. Aber ich bin zutiefst überzeugt, dass sich das Dranbleiben ganz fest lohnt. Dass es alternativlos ist - sofern man nach einem Leben in Zufriedenheit strebt.

Auch wenn es mir immer öfter gelingt, auf diese Weise mit unangenehmen Gefühlen umzugehen, sitze ich nun nicht im Lotossitz, selig lächelnd unter dem Bodhi-Baum. Die Enttäuschung über die Visa-Ablehnung wird mich noch einige Male besuchen kommen und - obwohl ich es definitiv besser weiss - wird sich dennoch auch immer wieder dieses leise, naive Stimmchen melden, das mir einflüstert: "Jetzt hast du's geschafft! Jetzt hast du DIE Methode gefunden, dank derer du niemals wieder von unangenehmen Gefühlen geplagt werden wirst".

Nein, es läuft nichts falsch bei mir und ich bin deswegen auch kein schlechter Mensch. Ich bin einfach Mensch.


Dieser akzeptierende Umgang mit unangenehmen Gefühlen hat übrigens nichts mit einem lethargischen "einfach-immer-alles-hinnehmen" zu tun. Ganz und gar nicht! Wir nehmen schliesslich nicht den Umstand der Visa-Ablehnung hin, sondern unsere Gefühle, die dadurch entstanden sind.


Natürlich werden wir, in aller Ruhe und Gelassenheit, nochmals einen Versuch starten und einen Antrag über einen Visa-Dienst stellen!



PS: Keine Sorge, wir werden auch jetzt nicht illegal mithilfe einer Schlepperbande in den Iran reisen ;)

508 Ansichten5 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Unsere Route

5 Comments


Christoph Gysel
Christoph Gysel
Apr 09

Das habe ich nicht erwartet. Aber es erstaunt mich auch nicht: 2 Frauen ganz allein in den Iran - das kann das autokratische, klerikale System nicht wollen.

Like

studermatthias
studermatthias
Apr 07

Da fällt mir ein: ich hatte kurz nach dem Hatschepsut- Massaker Probleme in Aegypten, weil sie in meinem Reisepass ein Israel-Visum fanden. Könnte ev. auch sowas sein

Like

studermatthias
studermatthias
Apr 07

Bei aller Enttäuschung: wurde die Ablehnung begründet? Das müssen sie nicht, ich weiss.


Tibet verweigert(e) beispielsweise Visa, weil die ihre Bevölkerung vor den negativen Einflüssen des Westens schützen wollen.


Wir wissen, dass das Bockmist ist.


Die Übung mit dem Visa-Dienst hat jetzt auch eine Nase: ihr seid nun mit euren Daten registriert. Dort wird auch vermerkt sein, dass eure Gesuche abgelehnt wurden.


Trotzdem Kopf hoch! Es wird euch eine Alternative einfallen!

Like
studermatthias
studermatthias
Apr 08
Replying to

Spannend!

Like
bottom of page