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Auch die ewig heiteren Wandervögel sind mal traurig

Ich wollte diesen Beitrag ursprünglich nicht veröffentlichen. Ich mache mir wieder einmal zu viele Gedanken darum, dass der Beitrag zu völlig unnötigen Sorgen zu Hause führen könnte.

Deshalb vorab ein ehrliches Versprechen: wir sind keineswegs, nicht annähernd in Gefahr!

Es ist mir jedoch ein Anliegen, auch folgende Momente und Gefühle im Blog festzuhalten. Uns ist bewusst, dass wir als die stets heiteren und gutgelaunten Wandervögel wahrgenommen werden - was wir vorwiegend glücklicherweise auch sind. Dennoch erleben auch wir in dieser grossen, weiten Welt hin und wieder Dinge, die uns nachdenklich, melancholisch und traurig stimmen.


Vor zwei Tagen folgten wir in der armenischen Region Lori dem TCT, als plötzlich aus dem Nichts ein Soldat vor uns stand und uns den Weg versperrte. Ein weiterer Soldat kam dazu, noch einer und noch einer... bis wir von zehn schwer bewaffneten Militärmännern umringt waren. Da in den Ex-Sowjet-Ländern nach wie vor eher Russisch als Englisch gelehrt wird und wir weder Russisch noch Armenisch beherrschen, konnte uns keiner über die Situation aufklären.

Wir mussten ihnen unsere Smartphones übergeben, welche sie auf "verbotene" Fotos durchsuchten und sie fotografierten unsere Pässe. Nach fast einer Stunde kam dann endlich ein weiterer Herr dazu, der uns in Englisch erklärte, dass (ausgerechnet) ab heute in diesem Wald junge Soldaten ausgebildet werden und das Gebiet für nicht-militärische Personen gesperrt ist. Offensichtlich hatten sie die Sperrung nur von der Strasse, jedoch nicht vom Wanderweg her errichtet...

Der englischsprechende Offizier entwickelte uns gegenüber anscheinend Vatergefühle und meinte immer wieder "don't be afraid", beschwichtigte seine Kollegen und fuhr uns schlussendlich im Militärfahrzeug aus der Sperrzone ins nächste Dorf.


Natürlich hatten wir in dieser Situation, gerade auch wegen der fehlenden Kommunikationsmöglichkeit, weiche Knie. Doch was uns viel mehr beschäftigte, folgte erst in den anschliessenden Stunden und Tagen.

Wir sind uns seit dem Grenzübergang bewusst, dass die Verhältnisse in Bergkarabach wieder angespannt sind. Wir ziehen auch in Erwägung, den TCT allenfalls nicht zu Ende zu wandern, sollten sich die Umstände in der Grenzregion im Süd-Osten weiter verschärfen.

Dennoch war all das bisher soweit weg. Es war ein informieren über eine nicht greifbare Lage. Die Begegnung mit all diesen jungen Soldaten und die Bewusstmachung, dass sie darauf vorbereitet werden, in Bergkarabach an die Front zu gehen, hat uns zutiefst erschüttert. Zwanzigjährige "Knaben", deren Zukunft unter Umständen bereits vorbei ist, deren Mütter und Väter wahrscheinlich zu Hause warten und Angst haben...

Unsere Wanderstunden sind seither sehr überdeckt von einer Traurigkeit, die wir nun erst noch etwas verarbeiten müssen.


Alles Gute all den Armeniern und Aserbaidschanern, die sich diesen Konflikt bestimmt nie gewünscht, die ihn aber für ihre Regierung seit Jahrzehnten ausfechten müssen.

❤️ 🇦🇲 🇦🇿 ❤️

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